Waag, Hans-Jörg – Zwischen Donau, Ilm und Irtysch.

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Zwischen Donau, Ilm und Irtysch. – Deutsche in Russland – Die Geschichte einer Familie

978-3-938380-16-1

Hans-Jörg Waag gräbt tief in der Geschichte seiner Familie: 1763, nach dem Manifest von Zarin Katharina der Großen, kommen zwei Brüder als Einwanderer aus Deutschland nach Rußland. Sie sind fleißig und erfolg reich, gründen Familien, die mit russischen Familien verschmelzen. Sie werden Firmengründer, Unternehmer. Und genau deswegen werden sie nach der Oktoberrevolution 1917 zu Opfern. Sie werden enteignet, ausgegrenzt, im Gulag inhaftiert, erschossen und ertränkt. Hans-Jörg Waag erzählt Geschichte als Geschichten. Sein Erzählen ist auch ein Gedenken, ein Erinnern an die vielen Opfer, die diese Familie gebracht hat.

 

Vorwort
Dieses Buch will eine 200-jährige russische Familienbiografie ins Gedächtnis rufen und ihrer Einzelschicksale gedenken, die alle politischen Veränderungen der Zeitgeschichte durchlebte.
Sie ging hervor aus der Verbindung zwischen einem nationalen russischen Zweig und denen, die von der Zarin Katharina der Großen durch ihr am 22. Juli 1763 verfasstes Manifest ins Land gerufen wurden: deutsche Siedler. Sie beabsichtigte die Besiedelung des nunmehr menschenleeren, von den Türken eroberten Gebietes im Süden des russischen Reiches. Mit ihren Ansiedlungen an der Wolga und im Süden der Ukraine wurde gleichzeitig ein menschlicher Schutzschild gegen plündernde Stämme aus dem Osten errichtet. Die Neuansiedler brachten auch Wissen und Kenntnisse für den wirtschaftlichen Aufbau mit. Russland erwarb im Krieg gegen die Türken einen für das Land wichtigen Zugang zum Schwarzen Meer. Die Zarin, selbst aus deutschen Landen stammend, ließ durch ihren Kriegsherren und Statthalter Fürst Potemkin in Aufrufen und Anschlägen großzügige Angebote für neue Siedler im Ausland verbreiten. Jeder Neusiedler könne 142 Morgen Land als Staatsbauer erhalten, dazu Kredite sowie auf Jahre hinaus besonders geringe Abgaben und Steuererleichterungen. Falls sich der Bauer bewähre und innerhalb von zehn Jahren mit anderen teile, bekäme er bis zu 32.000 Morgen übereignet.
Viele Interessierte aus den von Hungersnot überzogenen deutschen Landesteilen Schwaben, Württemberg und anderen konnten solchem Ruf nicht widerstehen. Das Angebot aus Russland war großzügig und verlockend. Ganze Familien, Brüder oder Söhne folgten, aus Not oder aus Rücksicht auf zahlreiche Geschwister daheim. Einige interessierten sich auch aus Abenteuerlust. So war nach und nach eine durchmischte Schar unterschiedlichster Charaktere auf den Land- und Wasserwegen unterwegs nach Rußland.
Ihre Heimat verließen Schwaben, Rheinländer, Pfälzer, Sachsen, Badener, Württemberger, Leute aus der Oberlausitz, auch aus dem Elsass oder Danzig-Westpreußen u.a. Sie fanden ihr Schicksal im Osten wie im Westen, in Russland oder in Amerika. Von den Letzteren nahmen viele am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer teil. Amerikas späterer erster Präsident, George Washington, soll geäußert haben: "Dank der Pfälzer Bauernlümmel haben wir die Freiheit erlangt."
Die heute noch in Amerika gepflegte "Steuben-Parade" geht auf den in Magdeburg geborenen Friedrich Wilhelm v. Steuben ( 1730–1794) zurück, einen ehemaligen Major. Er diente unter Friedrich dem Großen im Siebenjährigen Krieg. 1777 ließ er sich von dem französischen Dichter und damaligen Waffenhändler Beaumarchais nach Amerika anwerben. Im amerikanischen Befreiungskrieg wurde er ein berühmter General, der noch heute verehrt wird, weil er in dieser Armee moderne Strukturen schuf und dadurch ihre militärischen Erfolge sicherte. Magdeburger Stadtväter setzten ihm in den neunziger Jahren ein Denkmal. Eine Straßenbezeichnung "Steubenallee" und eine Plakette an der Post gab es bereits Jahre vorher. 
Das Glück ihres Lebens fanden die Auswandernden oftmals nur unter schwersten Entbehrungen und Enttäuschungen, mit Schweiß und Mühen, Angst und Stress. Sie alle forderten ihr Schicksal bereits beim Beschluss zu ihrer Auswanderung heraus. Glück, wenn sie ihm gewachsen waren. Aber viele zerbrachen an den Umständen oder bereits auf dem Wege zum vermeintlich guten Ziel.
In dieser Erzählung soll einer Familie gedacht werden, die fleißig, kulturell hochstehend, kenntnisreich und integer, im damaligen Russland die wirtschaftliche und technische Entwicklung einiger Bereiche durchaus mitbestimmte. 
Vorfahren nahmen an exponierter Stelle auf vielen Schlachtfeldern Europas an der Befreiung von Napoleonischer Fremdherrschaft teil.
Sie hatten weite Verbindungen zu gesellschaftlich bedeutenden und interessanten Persönlichkeiten ihrer Zeit in Russland. Die in Georg Büchners Drama "Dantons Tod" faszinierend dargestellte Auseinandersetzung zwischen Jakobinern und Girondisten als historischer Hintergrund des Stückes, fand als "Danton'sches Phänomen" besonders in der jüngeren Geschichte der Völker eine extreme politische Fortsetzung. 
Den Verfechtern von Ideologien und Macht sowie ihren Apologeten widerstreben einige oder standen ihnen im Wege. Sie wurden jedoch im Verlaufe des massenhaften politischen Druckes jeweils als politische Gegner, Aussteiger, Verräter oder Schlimmeres ausgegrenzt, ins Gefängnis geworfen und abgeurteilt, gar ermordet. In Russland wurden nicht nur Involvierte belangt, sondern es betraf Millionen Unschuldige. Sie alle galten unter dem Stalinismus als Volksfeinde oder Kulaken. Bis zum Tag werden weltweit Einzelne oder Gruppen in Parteien oder ganze Völker und Staaten mit einem solchen Mal versehen.
Dieses Phänomen wurde in Russland, nach dem Oktober 1917 mit glänzendem Blick zur Französischen Revolution, massenhaft zur Anwendung gebracht. Die Vernichtung von Mitgliedern ganzer gesellschaftlicher Klassen, von Spezialisten, kirchlichen Vertretern und vielen anderen Bürgern war Programm. Lenin befahl am 9. August 1918: "Zuverlässige Männer müssen einen unbarmherzigen Massenterror gegen Kulaken, Geistliche usw. führen". Und er forderte Rückinformationen: "Drahtet über die Ausführung dieses Befehls". Ganze Familien, Väter und Söhne, Cousin und Cousinen, Mütter und Töchter, Geschwister, auch die Alten dieser Familie wurden nicht verschont.

Magdeburg, im Frühjahr 2005
Hans-Jörg Waag

 

 

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