Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg. Stift – Pädagogium – Museum


Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg. Stift – Pädagogium – Museum

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Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg. Stift – Pädagogium – Museum

978-3-928703-77-2

Zum Geleit

Mit seiner nahezu 1000jährigen Geschichte gehört das einstige Kollegiatstift mit wenigen erhaltenen Zeugnissen Magdeburgs zum Beginn der Stadtentwicklung. Seine Inbesitznahme durch die Prämonstratenser im frühen 12. Jahrhundert verlieh ihm unter dem Ordensgründer Norbert von Xanten als zweites Mutterkloster eine Bedeutung mit europäischem Bezug.
Baugeschichtlich gehört es zur Hochkultur sächsischer romanischer Architektur, territorial heute etwa mit den Ländern Sachsen-Anhalt und Niedersachsen zu beschreiben. Verwandtschaften zu den Stiftskirchen Quedlinburg, Gernrode und Königslutter, St. Michael in Hildesheim und dem ehemaligen Prämonstratenserstift Jerichow wie vielen anderen, lassen eine in Deutschland seltene Geschlossenheit hochmittelalterlicher Architektur erkennen. Die 1993 begründete »Straße der Romanik«  in Sachsen-Anhalt, mit dem Initial und Zentrum Liebfrauen Magdeburg, rückt vor allem den Kirchen- und Klosterbau zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert umfassend ins Licht. Gleichwohl ist festzustellen, daß der heutige Befund des Magdeburger Klosters mit dem sichtbaren Kernbau nicht mehr dem historischen Gesamtorganismus entspricht. Besonders prägend haben Nutzungsänderungen, Kriege und auch Brände seine Gestalt beeinflußt.
Vor allem nach Aufgabe der klösterlichen Heimtstatt im frühen 17. Jahrhundert folgten Eingriffe in die Bausubstanz. Nach zögerlichem Beginnen einer Gelehrtenschule im späten 17. Jahrhundert erwies sich diese Umwidmung zu einem Pädagogium über mehrere Jahrhunderte keineswegs alsVerlegenheitslösung, vielmehr als Antwort auf das zeitgemäße Erfordernis einer humanistischen Bildungsanstalt. Erst die jüngste Forschung kann in ihr neben dem Pädagogium Kloster Berge eine über die Region führende und mit anderen deutschen Zentren vergleichbare Institution der erzieherischen Aufklärung im späten 18., frühen 19. Jahrhundert erkennen.
Die vorhandene Bauhülle reichte nicht, erforderliche Schul- und Alumnatsräume, Bibliothek und Verwaltung unterzubringen. Neoromanische Zubauten in der 1. Hälfte des 19. Jahrhundert adaptierten zwar stilistische Äußerlichkeiten, führten aber zu neuen Konturen der Anlage. Eine solche kulturgeschichtlich bedingte Mutation zum Mittelalterbau zu akzeptieren, ist offenbar besonders in der jüngsten Vergangenheit schwergefallen. Nach den Kriegszerstörungen 1945 zielten erste Sanierungsarbeiten auf Erhalt des Vorhandenen. Eine ab Ende der 50er Jahre determinierte neue kulturelle Nutzung, ab 1966 definitiv als Museum, leitete einen dritten großen Abschnitt für Sinngebung und denkmalpflegerische Entscheidungen ein. Baukonzeptionell war die Freilegung des Mittelalterbaus realisiert worden, d. h., daß mit Ausnahme des östlichen Schulanbaus sämtliche Ergänzungen des vorigen Jahrhunderts zurückgebaut, bzw. abgetragen wurden. So erscheint das Kloster heute als ein kostbarer Solitär, freistehend wie nie zuvor in seiner Geschichte. Der neu errichtete zweistöckige Westbau aus den 60er Jahren unseres Jahrhunderts korrespondiert in seiner sachlichen Linearität gelungen mit Kirche und Klausur.
Seit Mitte der 70er Jahre sind neue und wichtige Bezüge zwischen dem fast 1000jährigen Geschichtsdenkmal und der Öffentlichkeit entstanden. Für seine Widmung zu mehrdimensionaler Nutzung als Museum und Konzerthalle/Klosterkirche wird der mittelalterliche Sakralbau nicht nur als hochrangiger Rahmen verstanden. Vielmehr gilt er als ein maßstabsetzendes Geschichtszeugnis, zu dem geistig-künstlerische Prozesse unserer Gegenwart in eine lebendige Beziehung treten.
Diesem kulturgeschichtlichen Ereignisort, seinem Wert und seiner Historie gilt die Bemühung, erstmalig eine größere Publikation herauszugeben und im Jahre 1996 eine Ausstellung zum gleichen Thema einzurichten.
Daß beides nicht wie geplant zeitgleich geschehen kann, hat zwingende Gründe. Da kein Klosterarchiv existiert, gestaltet sich das Auffinden aussagefähiger Exponate als langwierig. So stellt das vorliegende Kompendium mit wissenschaftlichen Aufsätzen, Abbildungen, Bibliographie und Zeittafeln einen ersten wichtigen Schritt der systematischen Erforschung dar.
Ursachen für diesen späten Beginn liegen im Geschichtsverständnis der ehemaligen DDR. Seine Traditionslinien suchte der sozialistische Staat in revolutionären Bewegungen der Arbeiter- und Bauernklasse. Weder die Nutzung durch einen katholischen Orden noch ein bildungselitäres Pädagogium gehörten daher zum Forschungsspektrum. In einem gewissen anachronistischen Gegensatz dazu wurden für die Restaurierung und den Erhalt des Baudenkmals sehr erhebliche Mittel aufgewendet. Die fachliche Gesamtaufsicht lag beim Halleschen Denkmalamt, die bauliche Umsetzung beim Magdeburger Denkmalpflegebetrieb Schuster.
Der Stand der wissenschaftlichen und dokumentarischen Bearbeitung muß aus oben genannten Gründen als noch ungenügend eingeschätzt werden. Dabei bestehen Disproportionen, die in diesem
Buch ablesbar sind. Während zur Geschichte des Pädagogiums, einzelner Pröpste und Lehrer bereits Untersuchungen vorliegen, auch die Vita Norbert von Xantens erschlossen ist, besteht ein Defizit in der fehlenden Aufarbeitung der Baugeschichte. Hauptursache dafür ist die noch nicht ausgewertete archäologische Grabung in der Kirche in den Jahren 1975 - 1977.
Für die Magdeburger Museen als Nutzer besteht das notwendige, aber auch mit Leidenschaft betriebene Anliegen in einer möglichst ausführlichen Rekonstruktion aller geschichtlichen Vorgänge, sowohl die vom Kloster ausgehenden als auch die von außen einwirkenden betreffend. Ohne eine große Bereitschaft zur Mitarbeit und Unterstützung von vielen Wissenschaftlern, Geistlichen, Museen, Archiven und Institutionen wäre der gegenwärtige Arbeitsstand bei weitem noch nicht erreicht.
Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank, an der Spitze den Autoren der vorliegenden Aufsätze. Aber auch der seit etwa zwei Jahren im eigenen Haus intensiv tätigen Arbeitsgruppe soll unsere Anerkennung ausgesprochen werden.
Nicht zuletzt bedanken wir uns für finanzielle Förderung des Landes Sachsen-Anhalt und des Fördervereins der Magdeburger Museen zur Herstellung des Buches, für die in Aussicht gestellten Mittel zur Realisierung der Ausstellung im kommenden Jahr bei:
Toto-Lolto GmbH, Preussen-Elektra, Hannover, Stiftung Milteldeutscher Kulturrat, Bonn.

Dr. Matthias Puhle
Leitender Direktor der Magdeburger Museen
Dr. Renate Hagedorn
Leiterin des Klosters Unser Lieben Frauen
(Dezember 1995)

Beiträge von:

Bremsteller, Ulrich / Elm, Kaspar / Förster, Uwe / Puhle, Matthias / Horstkötter, Ludger / Krause, Hans-Joachim / Wiehle, Martin u.a.

 

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