Eberlein & Hobohm – Wie wird man ein Genie? Richard Wagner und Magdeburg


Eberlein & Hobohm – Wie wird man ein Genie? Richard Wagner und Magdeburg

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Astrid Eberlein & Wolf Hobohm – Wie wird man ein Genie? Richard Wagner und Magdeburg

978-3-86289-004-0

Zwei Theaterspielzeiten seines Wirkens als Kapellmeister verbrachte Richard Wagner, der vielleicht größte deutsche Dirigent des 19. Jahrhunderts, in Magdeburg.
In Magdeburg fand die erste Aufführung einer Oper des vielleicht größten Musikdramatikers des 19. Jahrhunderts statt, des »Liebesverbots«.
Die Bedeutung dieser Zeit und ihrer Geschehnisse für seine eigene Entwicklung, für seine Biografie, hat Wagner zu nächst hin und wieder hervorgehoben, später aber auch gern heruntergespielt.
Für die Musikgeschichte der Stadt Magdeburg jedenfalls waren es ausgemachte Höhepunkte.
Richard Wagner war ein Genie. Wurde er es in Magdeburg?

Einleitung

Weshalb wollen wir uns – erneut – mit Richard Wagners Zeit in Magdeburg be­fassen?
Zwei Theaterspielzeiten seines Wirkens als Kapellmeister verbrachte der vielleicht größte deutsche Dirigent des 19. Jahrhunderts in Magdeburg. In Magdeburg fand die erste Aufführung einer – keineswegs so unfertigen, wie er später behauptete – Oper des vielleicht größten Musikdramatikers des 19. Jahrhunderts statt, des »Liebesverbots«.
Die Bedeutung dieser Zeit und ihrer Ge­schehnisse für seine eigene Entwicklung, für seine Biografie, hat Wagner zu­nächst, als es ihm noch zweckmäßig er­schien, hin und wieder hervorgehoben, spä­ter aber auch gern heruntergespielt.
Für die Musikgeschichte der Stadt Mag­de­burg jedenfalls waren es ausge­mach­te Höhe­punkte.
In Magdeburg ereigneten sich nicht gera­de oft Momente großer Musikge­schich­te. Wir wollen an die Reihe bedeutender Kantoren des 16. und 17. Jahrhunderts erinnern: Martin Agricola, Gallus Dreßler, Leonhart Schröter, Friedrich Wei­ßensee, Heinrich Grimm, dann an das Wirken Jo­hann Heinrich Rolles und seine damals sehr verbreiteten »Musikalischen Dramen« im 18. Jahrhundert. Zur Musik­geschichte der Stadt gehört doch wohl auch, dass 1681 hier Georg Philipp Telemann geboren wurde und bleibende – auch musikalische – Kindheits- und Schul­eindrücke empfing. Um 1800 war der Komponist Prinz Louis Ferdinand von Preußen nach Magdeburg als General und Regimentskommandeur abkommandiert worden. Im 19. Jahrhundert bestimmten hervorragende Chorlei­ter wie Johann Joa­chim Wachsmann und Gustav Rebling und Organisten wie August Mühling, August Gottfried Ritter und Theophil Forchhammer das Musikleben der Chöre, der Musik­feste, der Kirchen und der Musikerziehung. Man­ches prächtige Orgelwerk wäre zu nennen, manche Orgelkomposition wie die Sonaten von Ritter oder Forch­hammer hervorzuheben.
Im Blick auf Richard Wagner muss unterstrichen werden, dass es in Magdeburg seit 1796 immer – also ohne Unterbrechung – ein stehendes Theater gab. Damit verbunden war, dass in Magdeburg seitdem immer – also ohne Unterbre­chung – ein organisatorisch relativ festgefügtes Orchester für das Theater und für Konzertdarbietungen zur Verfügung stand.
Dennoch spielen Magdeburger Ge­schehnisse oder Persönlichkeiten in der allgemeinen Musikgeschichtsschreibung keine ihrer eigentlichen Bedeutung ge­mä­ße Rolle. Auch die Wagnerliteratur macht darin keine Ausnahme. Irrtümer und un­zu­reichende Darstellungen begegnen schon in Wagners selbstbiografischen Äu­ße­rungen über seine Magdeburger Tätig­keit. Sie setzen sich in späteren Un­ter­su­chungen bis in die jüngsten Publikationen der Wagnerforschung fort.
Die Magdeburger Lokalmusik­ge­schichts­forschung war daran nicht schuldlos. Manche Veröffentlichung erschien an versteckter Stelle und fand deshalb nicht den Weg in die weitere Öffentlichkeit oder in Monographien der Musikwissenschaft. Mitunter blieben sie selbst in Magdeburg unbekannt.
Unser Buch soll helfen, das Bild vom  Magdeburger Wirken Richard Wagners etwas geradezurücken. Wir wollen an Wagners Lebensweg bis nach Magdeburg erinnern, die Voraussetzungen, die Ausbildung für seine Tätigkeit als Dirigent und Komponist beleuchten, die Geschichte jener Institutionen und Personen erzählen, mit denen er in Magdeburg zu tun hatte. Über Minna Planer, seine Verlobte,  können wir nichts Neues berichten, doch wir können referieren, was in zwei neuen, jüngeren Biografien Minnas über sie – und ihn – nachgedacht wird. Schließlich soll ein Blick auf die Wagneraufführungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auf die spätere Magdeburger Wagner-Erinnerungskultur geworfen werden.
Vor allem aber wollen wir möglichst viele Dokumente und andere Quellen beibringen und möglichst ungekürzt oder gar faksimiliert abdrucken. Wir können aus Platzgründen nicht alles, was an Namen und Ereignissen in diesem Buch begegnet, umfassend kommentieren. Wir setzen voraus, dass der interessierte Leser sich vorher etwa anhand eines Wagner-Ar­tikels eines ausreichend großen Le­xikons oder durch das Internet in Grundzügen mit Wagners Leben vertraut gemacht hat.
In unserem Richard Wagners Magdeburger Zeit gewidmeten Buch können wir nicht Persönlichkeit und Werk dieses Man­nes in allen ihren Seiten und Strukturen und Zusammenhängen darstellen. Unsere Magdeburger Zeit bietet nicht das ausrei­chende Material für derartige Be­trach­tun­gen. Vieles, was den späteren Richard Wag­ner ausmachte, war aber doch schon in Magdeburg in Anfängen un­übersehbar. So sein rätselhaftes, erdrü­ckendes musika­lisches Genie: Das »Liebesverbot« wird zwar heute kaum gespielt (aus Gründen, die nichts mit dem Werk, mehr etwas mit unserem Wagnerbild zu tun haben), doch diese Oper des Zweiundzwanzigjährigen überragt hinsichtlich der sich darin manifestierenden musikalischen Fantasie, des beeindruckend sicheren Umgangs mit melo­dischen, harmonischen, instrumentatorischen Mitteln, des erstaunlichen Form­bewusstseins; überhaupt des überlegenen Beherrschens des handlungs-, text- und musikgestalte­rischen Handwerks viele andere der damals entstandenen Bühnenwerke. In ei­ner Zeit von wenigen Wo­chen beherrschte er auch das Dirigieren in einem Maße wie ein jahrelang tätiger Routinier. Rücksichtslos gegen sich selbst und gegen andere zeigte sich sein unbändiger Schöpfungsdrang, wenn er ein künstlerisches, wenn er ein terminliches Ziel erkannt hatte.
Doch sind in Magdeburg ebenso schon einige von jenen späteren Erscheinungen an Wagner zu bemerken, die dann man­chen Zeitgenossen abstießen (und die die Musikurteile beeinflussten) und die man auch heutzutage mitunter nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen kann: So die Gewissenlosigkeit, nicht Naivität, mit der er sich ständig neu und noch höher verschuldete – immer neue luxuriöse Grün­de und Ursachen und Gegenstände findend; so der arge Leichtsinn, mit dem er auf die Darbietung (oder später in Dresden: auf den reputationversprechenden Druck) eines Werkes zugehen konnte, wohl wissend, dass wiederum die Schul­denlast anstieg; so die Kunst redseliger (auch brieflicher) Selbstdarstellung und Überredung bei der Gewinnung einer Frau, die er besitzen wollte, oder bei der Akquisition von Geldquellen. Noch aber blieb der Ausrutscher »das verfluchte Judengeschmeiß« im Brief an Theodor Apel vom 13. März (recte Dezember) 1834 vereinzelt, »bevor Neid und das Grollen des Benachteiligten in ihm, Wagner, … das Gift des Antisemitismus er­zeugte.«     
Wir wollen es damit genug sein lassen und Martin Gregor-Dellins Gedankengang zitieren, der unseren genügenden Abstand zu Wagner feststellte, so dass selbst Be­denk­liches an diesem – um mit Ernst Bloch zu sprechen – keine »Enthüllung« mehr ist.   
Die Beiträge der Herausgeber sind mit ihrem Namen versehen, dennoch tragen beide eine gemeinsame Gesamtverantwortung für das Ganze. Für vielfältige, gern gewährte Hilfe bei unserem Unternehmen danken wir sehr herzlich:
der Bibliothek des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg, Herrn Dr. Lutz Buchmann, Magdeburg, dem Reuter-Wagner-Museum Eisenach, dem Stadtarchiv Magdeburg, der Stadtbibliothek Magdeburg.
Unser Buch entstand aus Anlass des 100. Geburtstages der Ortsgruppe Mag­deburg (gegründet am 4. Oktober 1909) des  »Richard Wagner Verbandes deutscher Frauen«, der seinerseits kurz zuvor, am 13. Februar 1909, in Leipzig entstanden war.  
Möge es belehren, auch unterhalten, vor allem aber das Bild des damaligen Thea­ters der Stadt Magdeburg und seines Kapellmeisters etwas deutlicher werden lassen.

Magdeburg, im Frühjahr 2010

Astrid Eberlein & Dr. Wolf Hobohm

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